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Meine Kurzgeschichten

D 197

 

D 197, Paris - Berlin (Stadtbahn), Wagen der Deutschen Bundesbahn, Wagen der Deutschen Reichsbahn.

Dortmund, eine ältere Dame betritt das Abteil. "Entschuldigen Sie, ist hier noch ein Platz frei", fragt sie mit leiser, schüchterner Stimme. Kopfnicken. Ich beobachte: Graues, streng zurück gekämmtes Haar, müde Augen, über dem linken eine Warze, schiefe, sehr zerstörte Zähne, die Backen etwas eingefallen, die Haut ist runzlig.

Sie sitzt mir gegenüber in braunem Kleid und beigen Schuhen, schaut zum Fenster hinaus.

Ich beobachte weiter: brauner Kunstlederkoffer, der Griff ist durchgescheuert, braune Einkaufstasche aus Leder. Neben sich, auf dem Sitz, hat sie eine Handtasche gelegt, diesmal kein braunes Leder, diesmal Bast. Beim Griff hat sich das Geflecht gelöst, borstig stehen dünne Bastfäden.

Der Schaffner, er fragt nach den Fahrkarten. Ich bin neugierig und versuche zu erkennen, ob ihre Fahrkarten, die sie mit scheuem Blick dem Schaffner reicht, von der Bundes- oder Reichsbahn ausgestellt seien. Ich kann es nicht erkennen.

Hamm der Zug verlässt den Bahnhof. Ein Blick auf die Uhr, Vergleich im Zugbegleiter. "Der Zug ist heute 'mal ausnahmsweise pünktlich Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass er den Fahrplan eingehalten hat, sooft ich mit diesem Zug gefahren bin" bemerke ich. "Ja", erzählt mir die Dame, "als ich herkam, hatte der Zug eineinhalb Stunden Verspätung, wegen des Zugunglücks bei Hannover." Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Anhäufen von Zugunglücken in der letzten Zeit. Das Thema ist bald erschöpft - Schweigen.

Dann einige Worte über das Wetter - wieder Schweigen.

Ich versuche zu lesen.

Doch immer wieder schaue ich die ältere Dame an. Eine Rentnerin aus der DDR? Die jüngere Dame, die sie am Bahnhof in Dortmund zum Zug brachte, ihre Tochter?

Ich brauche Gewissheit, es lässt mich nicht in Ruhe, nochmals betrachte ich ihr Gepäck und ihre Kleidung, dann frage ich:

"Sie fahren nach Berlin?"

"Ja", kommt die schüchterne Antwort, "nach Berlin, ich muss noch weiter, nach Trebnitz, aber in Berlin werde ich mit dem Wage abgeholt, das geht schneller."

Dann folgt wieder tiefes Schweigen, nichts zu hören außer dem Rattern der Räder und Quietschen in den Kurven.

Ich weiß nicht, wo Trebnitz liegt, ich weiß nur, irgendwo in der DDR. Trebnitz, ich möchte fragen wo es liege, doch dann das Gefühl, es ließe zu deutlich erkennen, wie unbekannt, wie fremd uns jungen Westdeutschen die DDR ist. Peinlich - also frage ich nicht. Ich suche weiter nach Gesprächsstoff, aber was soll ich sagen; soll ich sagen, dass ich gerne einmal in die DDR fahren möchte - nein.

Die Dame wischt sich mit dem Taschentuch die feuchten, müden Augen. Es sollte nicht auffallen, so schnauft sie sich noch die Nase. "Gleich fahren wir durch die Porta Westfalica" sage ich, die Dame nickt, dann ist es wieder still.

Was soll ich sagen, ich habe gemerkt, dass es die Dame erfreute, wenn ich zu ihr sprach, doch was soll ich sagen; es ist, als säße mir eine Ausländerin gegenüber, deren Sprache ich nicht kenne, deren Land mir unbekannt ist. -

Schweigen, ein beklemmendes, endloses Schweigen, so endlos, wie mir die Fahrt erscheint.

Ich bin froh, als ich in Braunschweig das Abteil verlasse.

"Auf Wiedersehen, und eine gute Weiterfahrt", wünsche ich, ziehe meinen Anorak an und nehme meine Tasche.

Ich spüre, wie mich ihre Augen verfolgen, die müden Augen einer Rentnerin aus der DDR.

Ein trauriger Zug, mit Wagen der Deutschen Bundesbahn und Wagen der Deutschen Reichsbahn; - ein trauriger Zug, dieser D 197, Paris - Berlin (Stadtbahn).

 

Braunschweig, 1969

Auch du bist schuld ...

 

Warum gaffst du diese junge Frau so an, wie sie dort steht,

den Kopf geneigt, den Blick zu Boden gesenkt?

Warum glotzt du, und du und auch du?

Ihre Augen werden nicht mehr sprechen. Sie werden wie zwei

Höhlen sein, schwarz und still, leblos, voll Resignation. -

         Ja, schaue sie dir ruhig an, du darfst sie nicht vergessen.

Dann schleiche zurück in deine Wohnung, fühle den

schäbigen Geschmack in deinem Mund und die zugeschnürte,

trockene Kehle -

auch du bis schuld, schuld an diesem Mord.

 

Ein schwüler Sommertag geht zu Ende. Aus dem toten Flussarm steigt

der Gestank von modrigem Wasser empor. Kein Luftzug regt sich,

die Natur schweigt. Wie alle Gaffer stehst auch du schweigend

auf jener kleinen Holzbrücke. Zwei Leute von der Wasserschutzpolizei

stochern mit schwarzen Stangen, mit schwarzen Stangen

suchen sie, sie suchen zwischen verfaulendem Holz, Fischkadavern,

leeren Konservenbüchsen, zwischen Pflanzen und von

Algen braun-grün gefärbtem Wasser, treibenden Öl- und Diesellachen,

zwischen schmutzigem Schaum. -

Sie finden es, das Baby, gehüllt in Windeln, und sie legen es

auf eine graue Decke. Ein Arzt beugt sich darüber. -

Tiefes Schweigen. Kaum hörbar, Exitus. -

Gefolgt von zwei Polizeibeamten nimmt die junge Frau ihr Los

auf sich, den Blick zu Boden geneigt. -

 

Und du, du zündest dir eine Zigarette an, nach einer Weile,

und gehst, und ...

 

Besatzungszeit im Rheinland

 

Du gehst vorüber, vorüber an schwarz-grauen Ruinen mit

großen Löchern, durch die Bäume, Sträucher und Unkraut in fahlem

Grün schimmern. Du gehst dort entlang, den Knaben an der Hand.

Wäsche bringst du in die Heißmangel, die in einem Ruinenhof

behelfsmäßig wiederhergestellt wurde. Als du sie verlässt,

steht ein französischer Soldat am Tor, eine Zigarette

lässig im Mund. Er grinst dich an und stinkt nach Wein.

Hastig eilst du vorüber, den Knaben fest an der Hand,

gehst vorbei an Ruinen, die Straßen sind fast menschenleer.

Von einem entfernten Lokal tönt der Gesang von betrunkenen

Franzosen, die unser Land besetzt halten.

Trockene Hitze hängt zwischen den zerstörten Mauern.

         Aus einer Ruine ertönt plötzlich das entsetzte Schreien

einer Frau. Du beschleunigst den Schritt, denn dort versucht

ein Soldat, eine junge Frau zu vergewaltigen.

Der Knabe wendet sich um, doch du ziehst ihn eilig hinter dir her.

Du hast Angst: fürchterliche Angst treibt dich die

Straße entlang.

"Mama, was macht der mit der?" ....

Erleichtert erreichst du eine belebtere Straße und machst

weitere Besorgungen.

Am Abend gehst du ans Ufer, um mit der Fähre deine Wohnung

zu erreichen. Das Boot ist fast leer und du setzt dich mit

dem Knaben auf eine Bank im Bug des Schiffes.

Ein kühler Wind streift die Reling.

Da kommen zwei französische MP-Soldaten, die zwischen sich

einen Gemeinen schleppen, der offensichtlich nicht mehr

richtig gehen kann, da er bis zum Hals voll ist. Sie schlagen

und stoßen ihn vor sich her über die schmale Anlegebrücke.

Der Gemeine fällt zur Seite und die Brücke schaukelt unter

seinem Gewicht. Mit einem Tritt wird der Soldat ins Boot

gestoßen, wo er auf dem Eisen mit blutigem Gesicht liegen

bleibt.

Dann schleppen sie ihn ins Vorderschiff und werfen ihn wie

einen Sack auf die Planken. Die MP-Soldaten setzen sich gegenüber

auf die Bank, legen ihre Maschinenpistolen auf die Knie,

starren gelangweilt auf den Betrunkenen.

Du versuchst, den Knaben abzulenken und beginnst ein Gespräch,

doch ohne Erfolg. Entsetzt legst du die Hände ans Gesicht.

         Das Boot legt ab, und der Betrunkene beginnt zu rollen.

Mit Fußtritten stoßen die MP-Soldaten den Betrunkenen von

einer Seite zur anderen, und dumpf dröhnen die Planken.

Als das Boot anlegt, bleibst du sitzen, bis die MP-Soldaten

den Betrunkenen an Land geschafft haben, mit Flüchen, Tritten,

Stößen, Schläge, brutal wie Tiere.

Dann eilst du den Weg empor, vorbei an den Soldaten,

den Knaben hinter dir her schleifend.

"Mama, was machen die mit dem?" ...

 

Braunschweig, 1974

 

Braunschweig, Farmer's Inn, 15.12.1974

FREIHEIT AUS LIEBE

„Hoher Herr“, sage ich zögernd in der Sprache, die mich Ti in den vier Jahren unseres Zusammenlebens gelehrt hatte, „Hoher Herr, wer seid Ihr, und was führt Euch durch diese Wildnis?“ „Ich bin Tansur Widjaja und suche meine Tochter Ti“. Ich erschrak, - dies also war ihr Vater, jener strenge Mann, der Ti aufs College geschickt hatte. Dies war der Mann, der Ti mit einem Offizierssohn verheiraten wollte, den Ti aber nicht liebte. Dies war also der Mann, vor dem Ti in diese Wildnis geflüchtet war. Aber wenn er sie so sehr suchte, musste er seine Tochter doch lieb haben?! –

Mir fiel eine Episode ein, die wir, Ti und ich, vor einem Jahr erlebten, kurz bevor unser Söhnchen geboren wurde, den wir Tjandra nannten. Unser Stall war gerade fertig geworden. Wir nahmen das Vieh aus dem Haus, das teilweise bis dahin dort untergebracht werden musste. Unter diesen Tieren befand sich auch ein Vogel, dessen Eier wir aßen. Er hatte sein Nest im Gebälk des Hauses. Früh morgens weckte er uns von dort oben mit seinem fröhlichen Gesang. Als ich ihn wegbringen wollte, sagte Ti: „Nein, sperre ihn nicht in den Stall, lass ihn fliegen, denn ich habe ihn von allen Tieren am meisten liebgewonnen. Bitte gib ihm seine Freiheit zurück.“ Dies tat ich, doch am nächsten Morgen weckte uns der Vogel wieder – er war freiwillig zurück in unser Haus gekehrt und baute ein neues Nest im Gebälk. –

Dies gab mir die Hoffnung, dass dieser Mann, wenn er Tis Glück erlebt, auch ihr aus einer echten Liebe die Freiheit lässt, die sie gewählt hat.

Darum sprach ich: „Hoher Herr, die Regenzeit hat eingesetzt, und Ihr werdet mit eurem schweren Wagen bald im Schlamm der Wege steckenbleiben und umkommen. Deshalb bitte ich euch, in unserer bescheidenen Hütte Gast zu sein, bis ihr eure Reise fortsetzen könnt.“ 

Braunschweig, 1974

 

... und stille Begegnung am Abend

Die Tage werden kürzer, und Dämmerung liegt über dem Dorf. Ich biege in einen Kiesweg ein und parke meinen alten Wagen auf dem Hof eines Bauern. Es riecht nach Natur, und es ist still.

Ich läute die Glocke, und langsam öffnet sich die geschnitzte Tür.

Dort steht ein Mädchen, klein mit langem schwarz-braunen Haar, sie lächelt und leise formen sich die Lippen zu einem "Guten Abend", - "Guten Abend".

Die anderen sitzen vor dem Fernseher, Fußball - das interessiert mich nicht;

das Mädchen und ich setzen uns auf den Fußboden in einer Ecke - nebeneinander - , und keiner von uns nimmt teil am Programm.

Ich blicke in ihre Augen, und sie in die meinen.

Es dauert nur noch einige Minuten, dann ist das Fußballspiel beendet, die Leute erheben sich, es wird laut, Stimmen schwirren wild durcheinander.

Das Mädchen geht ins Nebenzimmer, und sie bindet sich eine Schürze um.

Die Ansagerin:" ... einen Bericht über den Zerfall der Dorfstruktur." Ein Junge will das Gerät abschalten, aber ich ergreife seine Hand: "Bitte, das interessiert mich."

Etwa zehn Minuten später ist der Bericht vorüber, und ich schalte das Gerät ab. Der Raum ist leer und dunkel. Allein stehe ich dort, als habe man mich vergessen. Aus einem fernen Zimmer kommt der Geräuschpegel der anderen.

Ich folge dem Geräusch, und im Flur begegnet mir das kleine Mädchen, fest in den beiden schmalen Händen hält sie eine große Kaffeekanne.

Sie bleibt stehen und lehnt sich an die Wand, ihre Augen zeigen Enttäuschung; Enttäuschung darüber, daß ich ihr beim Kaffeekochen nicht geholfen habe. Dort in der Küche wären wir doch unter uns gewesen.

Ich fühle mich schuldig, meine Kehle schnürt sich zu, ich kann kein Wort der Entschuldigung herausbringen.

Sie senkt den Kopf, senkt ihn für eine Weile, dann blickt sie wieder auf, und unsere Blicke sprechen miteinander.

Ganz allmählich, als fülle sich ein Brunnen mit Wasser, zeigen mir ihre Augen, daß sie mir verzeiht. Und je mehr sie mir verzeiht, desto stärker für ich, wie meine Schuld schwindet, und wie der Klos im Hals sich auflöst. Nach unbestimmbarer Zeit spüre ich ihr völliges Verzeihen, und ich habe kein Schuldgefühl mehr.

Aus ihren zarten Händen nehme ich die schwere Kanne und greife mit der anderen Hand nach der ihren, führe sie in das Zimmer, wo die anderen ungeduldig auf den Kaffee warten.

Nach dem Kaffeetrinken nimmt das Mädchen ihr Strickzeug, und ich beobachte ihre flinken Hände.

Ich habe das Bedürfnis, mit ihr zu sprechen: "In den letzten Jahren habe ich leider sehr viel falsch gemacht, beispielsweise war ich ...", "Bitte", unterbricht sie mich mit leiser Stimme und lächelt mich an "Ich möchte nichts über dein vergangenes Leben wissen, denn vielleicht würden dadurch meine Gefühle für dich geringer - und das wäre schade".

     Nach einer Weile stehe ich auf, und sie legt ihr Strickzeug zur Seite. Sie nimmt meine Hand, und wir verlassen das Zimmer, nehmen unsere Mäntel und gehen hinaus.

     Es ist kühl geworden, und der Mond scheint hell über den schwarzen Bäumen.

Arm in Arm, ohne ein Wort, schreiten wir am Weiler entlang, und nur das Geräusch der Schritte begleitet uns in die Unendlichkeit.

Braunschweig, 7.1.1975

 

 

 


 

Meine Gedichte

Mut zur Liebe

 

Ihr Schatten flieht

                                 vorüber,

  mein Herz droht zu

                                 zerspringen,

       nichts soll mich halten

                                 länger,

        die Furcht zerschlagen

                                 muss ich,

    die uns so lange hat

                                 getrennt.

    

 

 

der Liebsten gedenkend

 

Nicht Tochter

                 des Zeus

                            und der Leda,

Nicht Griechenlands

                   schönste Sterbliche,

                             Helena, bis du.

 

Dennoch wird

                   geblendet von deinem Charme

                               kein Paris sich scheuen,

Auszufahren, dich zu rauben

                   und Troja

                               dem kurzen Glück zu opfern.

 

Essen, 1967

 

Essen, 1967

 

 

 


 

Meine Gedanken

Der Mensch kann nichts wissen, solange er nicht bewiesen hat, dass die Logik, über die er verfügt, die einzig richtige ist. Da der Mensch dies mit seiner Logik beweisen müsste, wird er nie etwas wissen können. Diese Überlegung jedoch wurde ebenfalls mit menschlicher Überlegung gemacht und kann deshalb nicht den Anspruch auf Richtigkeit erheben.

 

 

... Männer und Frauen sind gleichberechtigt.

... Niemand darf wegen seines Geschlechtes ... benachteiligt

oder bevorzugt werden (Grundgesetz, Artikel 3).

Dennoch, für gleiche Arbeit erhalten Frauen häufig weniger Lohn.

Dennoch, Frauen brauchen nicht zum Wehrdienst bzw. Ersatzdienst.*

Dennoch, Frauen können ihren Mann nicht mitversichern

(Altersrente, Krankenversicherung usw.).*

 

Übrigens, die Emanzipation der Frau äußert sich für mich darin,

dass ich jetzt auch Lebensmittel einkaufen darf.

"Was kostet der Endiviensalat dort?" "Aber, junger Mann, das

ist kein Endiviensalat, das ist Spinat!"

 * Dieses gilt heute zum Glück nicht mehr            

Essen, 1968

 

Braunschweig, 1972

Ich glaube, unsere heutige

Gesellschaft ist durch ihre

Kontaktarmut gekennzeichnet.

 

Wer hat oder nimmt sich schon

die Zeit, für einen anderen,

fremden Menschen zu sorgen;

nur wenige tun es,

und die mögen glücklicher sein.

 

 

Warum müssen alte Menschen

so einsam und allein ihrem

Sterben entgegengehen?

 

Haben sie das gerade mit all' ihrer Mühe verdient? -

 

Gewiss nicht;

deshalb sollten wir

junge Menschen diesen helfen

und auch für sie

da sein.

Braunschweig, 1974

 

Braunschweig, 1974

 

 


 

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© Bernward Grosse 2015-04-30

 

 


 

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