Wohngebäude im Dobbenviertel

 

Die Wohnhausbebauung des Dobbenviertels

 

Sowohl durch die geschlossene städtebauliche Konzeption als auch die besondere Dichte erhaltener gründerzeitlicher Wohnhausbebauung einer bürgerlichen bzw. großbürgerlichen Gesellschaftsschicht unterscheidet sich das Dobbenviertel von anderen Oldenburger Stadterweiterungsgebieten mit ihren soziologisch und architektonisch heterogeneren Strukturen Das z.B. in der Nordstadt und im Haareneschviertel verbreitete traufständige Doppelwohnhaus mit Drempel erscheint im Dobbenviertel als Ausnahme (Dobbenstr. 18, erb. 1880). 1)

 

Die genannten Kriterien weisen das Dobbenviertel trotz Einbußen an originaler Bausubstanz seit der Nachkriegszeit als ein stadtbaugeschichtliches Dokument von seltener Einheitlichkeit aus, in dem sich freilich Gebäude vom Rang eines Einzeldenkmals mit schlichteren und deshalb durch Veränderungen besonders gefährdeten Bauten abwechseln, deren Denkmalqualität aus ihrer typologischen Reihung erwächst. Gleichermaßen zum denkmalwerten Bestand des östlichen Dobbenviertels gehören als Teil der städtebaulichen Konzeption die rückwärtigen Haus- und die Vorgärten. 1)

 

Bei der Entstehung der Bebauung spielte in zeitspezifischer Charakteristik die spekulative Vorgehensweise der Architekten, die teilweise, wie z.B. C. Spieske sowie Vater und Sohn Frühstück, gleichzeitig auch Unternehmer waren, eine wichtige Rolle. Sie errichteten viele Objekte, um sie erst nach Fertigstellung, bisweilen auch schon im Rohbauzustand zu verkaufen. In welchem Umfang sich die Architekten Handlungsfreiheit einräumen konnten, mag die Tatsache belegen, dass z.B. Spieske an der Lindenallee z. T. ohne Genehmigung baute, sein Verhalten aber trotz der Androhung von Haft- und Geldstrafe letztlich ohne Konsequenzen blieb, da die Behörde einlenkte. Neben dem schon genannten Spieske, mit großem Bauvolumen an Lindenallee, Park-, Hindenburg- und Bismarckstraße, zählen zu den fünf wichtigsten historischen Architekten des Dobbenviertels J. H. Brandes, der vor allem an der Lindenallee baute, H. Frühstück d. Ä., der in Garten-, Moltke- und Roggemannstraße tätig war, A. L. Klingenberg, von dem Häuser an Teich- und Bismarckstraße stehen sowie G. Schnitger, dem als virtuosesten Architekten exponierte Grundstücke an Herbartstraße, Haarenufer und Cäcilienplatz zur Verfügung standen. 1)

 

 


 

Giebelständige, eingeschossige Gebäude mit Drempel

 

Für den schmalen Parzellenzuschnitt des Dobbenviertels, der eine dichte Reihung der freistehenden Häuser mit schmalem Bauwich zur Folge hatte, erwies sich das giebelständige Haus mit Drempel durch seine optimale Wohnraumausnutzung als der am besten geeignete Typ, der das Bild vieler Straßenzüge dominierte. Das älteste Giebelhaus des Viertels befindet sich in der Roggemannstraße (Nr. 9, erb. um 1860), die 1845 als Gemeindeweg genannt wird, der von der Gartenstraße zu den Dobbenwiesen führt. Auf dem Hotes-Plan von 1867 sind hier bereits einige Häuser verzeichnet, u. a. auch der genannte fünfachsige Bau ohne Souterraingeschoß mit mittigem Eingang, der im klassizistischen Sinne schlicht, nur mit einer zarten Profilrahmung der fünf leicht stichbogigen Erdgeschossfenster gestaltet ist. 1)

 

Von dem einfachen, vierachsigen Typ ohne Souterrain mit seitlicher Erschließung bei innen liegendem Treppenhaus finden sich nur wenige Beispiele, deren anspruchsloser Habitus sich in der bescheidenen Fassadengestaltung widerspiegelt (z. B. Dobbenstraße 9, erb. 1881; Nr. 14, erb. 1887, Lindenallee 22, erb. 1886). Den gleichen Typ, jedoch über einem Sockelgeschoss, vertritt Herbartstraße 3 (erb. 1877, Arch. G. Schnitger), das mit dem Putzfugenschnitt und den Festonfüllungen der Brüstungsfelder im Obergeschoss zurückhaltenden spätklassizistischen Dekor zeigt, wie er auch die Gebäude Lindenalle 7 und Nr. 26 (beide erb. 1880) schmückt. 1)

 

Die dominanteste Variante des giebelständigen Hauses im Dobbenviertel ist der vierachsige Typ auf hohem Souterraingeschoss mit seitlichem Erschließungstrakt, vorgelegtem, meist polygonalem Altan und oftmals weiteren Ergänzungen wie Balkon und Wintergarten. Dieser großzügigen Baukörperdisposition entsprechen die reichen, plastischen Fassadendetails, die vielfältig variiert jedem Haus ein individuelles Gepräge als Ausdruck bürgerlichen Selbstdarstellungsbedürfnisses verleihen. Die in zahlreichen Publikationen zur Verfügung stehenden Vorlagen erlaubten den Architekten, über einen umfassenden, beliebig kombinierbaren Formenkanon zu verfügen. Eine persönliche Handschrift des Baumeisters ist daher kaum ablesbar. Im Dobbenviertel häufig anzutreffen ist die Kombination der geläufigen spätklassizistischen bzw. renaissancistischen Formen mit Holzkonstruktionen wie Schwebegiebeln, Hängesäulen und ornamental durchbrochenen Schmuckbrettern als Giebelzier. Diese der Fachwerkarchitektur entlehnten Elemente, von deren Wiederbelebung man sich ebenso wie durch den Rückgriff auf historische Stile eine Erneuerung der Baukunst erhoffte, wurden gegen Ende des 19. Jh. vor allem in den Dienst einer malerischen Wirkung des Wohnhausbaus gestellt. 1)

 

Beispielhaft für die Variationsbreite der Fassadengestaltung seien einige Häuser von C. F. Spieske vorgestellt, der am Bauvolumen der giebelständigen Häuser des Dobbenviertels den größten Anteil hatte. Bei dem Haus Bismarkstraße 26 (erb. 1887) korrespondieren die rundbogigen Erdgeschossfenster, die am seitlichen Altan von Pilastern mit korinthisierenden Kapitellen gerahmt werden, mit dem kreisförmig geschnittenen Schwebegiebel und der gleichförmigen, abknickenden Verdachung der Obergeschossfenster. Ein wesentlich strengeres Erscheinungsbild kennzeichnet dagegen Parkstraße 2 (erb. 1888), das u. a. durch die Wiederholung horizontaler Linien hervorgerufen wird: beide Geschosse, durch einen breiten Wandstreifen zwischen Gurt- und Sohlbankgesims getrennt, überzieht ein horizontaler Fugenschnitt. Weiter tragen zu dieser Wirkung die horizontalen Fensterverdachungen im Erdgeschoss sowie das kräftig profilierte Gebälk als Abschluss der beiden mittleren, pilastergerahmten Obergeschossfenster bei. Auf Motive des in Oldenburg selten anzutreffenden "Castle style" griff er bei dem Haus Parkstraße 8 zurück (erb. 1891), die hier mit einem Schwebegiebel eine eigenwillige Verbindung eingehen. 1)

 

Eines der am aufwendigsten und mit betont malerischem Effekt konzipierten Gebäude des Dobbenviertels wurde 1886 von H. Früstück erbaut (Roggemannstr. 20). Es fällt bereits durch die Hinzufügung eines der Südseite vorgelagerten, einachsigen Trakts und eines sich diesem nach Western anschließenden Wintergartens in Holzkonstruktion aus dem üblichen Schema des giebelständigen Hauses heraus. Plastische Details heben vor allem den pilastergegliederten Altan und im Drempelgeschoss das durch korinthisierende Säulchen unterteilte, rundbogige Drillingsfenser mit kräftigem Bogenbegleitprofil und Balusterbrüstung hervor. Bemerkenswert ist die auf Fuß- und Mittelpfetten ruhende Schwebegiebelkontruktion mit abschließender Hängesäule, wobei die Zwickel zwischen den Hölzern des Freigebindes mit von Rankenwerk durchbrochenen Schmuckbrettern gefüllt sind. 1)

 

Einen Anklang ländlicher Architektur durch das Motiv des auf Pfetten vorgezogenen Daches mit abschließendem Krüppelwalm vermitteln auch mehrere giebelständige Häuser an Teich- und Parkstraße (Teichstraße 7, Nr. 9, beide erb. 1893; Nr. 11, Nr.13, beide erb. 1892/93, alle vier Gebäude durch L. Klingenberg erb.; Parkstraße 7, erb. 1896, Arch. C. F. Spieske). Charakteristisch für die historistische Fassadenbehandlung ist die starke Plastizität der Schmuck- und Gliederungselemente, wie sie Roggemannstraße 27 (erb. 1890, Arch. Logemann) anhand der kräftigen Profilierung der geohrten Fensterrahmen und -verdachungen sowie insbesondere durch die in einer Nische zwischen den beiden mittleren Drempelgeschoßfenstern mit ihren Balusterbrüstungen aufgestellte, antikisierende Plastik zeigt. Von dieser bisweilen überschwenglichen Dekorationsfreunde gibt, in eine andere Formensprache übertragen, Prinzessinweg 41 mit seinem üppigen, floralen Jugendstieldekor ein Beispiel. Als Abwandlung des giebelständigen Hauses kann das Halbgiebelhaus betrachtet werden, bei dem der giebelständige Trakt zu zwei Achsen zweigeschossig, der traufständige, gleichfalls zweiachsige Bauteil entweder mit Drempel- oder zweitem Vollgeschoss aufgeführt ist. 1)

 

Während dieser Gebäudetyp in den Stadterweitungsgebieten Oldenburgs nur selten auftaucht, ist er im Dobbenviertel, vor allem in der Moltkestraße häufiger vertreten (Moltkestr. 2, Nr. 8, beide erb. 1878; Nr. 10, Nr. 17, beide erb. 1877, alle durch H. Frühstück; letztgenanntes mit Erweiterung des traufständigen Teils um eine Achse). 1)

 

Entsprechend seiner Bedeutung als Trakt, der die repräsentativen Wohnräume aufnahm, wurde der vorspringende, giebelständige Teil in der Regel durch eine reiche formale Ausstattung, bisweilen einen polygonalen Altan oder eine Schwebegiebelkonstruktion hervorgehoben (Cäcilenstr. 6, erb. 1882; Herbartstr. 16, erbaut 1886, Arch. G. Schnitger; Teichstr. 4, erb. 1889, Arch. L. Backhaus, letztgenanntes mit originellem Abschluss des Schwebegiebels durch einen Krüppelwalm über dreieckigem Grundriss, unterstützt durch ein Kopfband). 1)

 

 


 

Zweigeschossige Wohnhäuser mit Walm- bzw. Mansarddächern

 

An den gegenüber den Giebelhäusern großvolumigeren zweigeschossigen Walm- und Mansarddachbauten unterschiedlicher Varianten, die in den Straßenzügen des Dobbenviertels immer wieder mit den giebelständigen Bauten abwechseln, konnte sich das Repräsentationsbedürfnis der Bauherren in Einklang mit der historisch-eklektizistischen Verwendung von Dekor- und Gliederungselementen voll entfalten. Die Gebäude vom Ende der siebziger Jahre stehen allerdings durch das Einhalten der geschlossenen Kubatur noch in der Tradition klassizistischer Walmdachquaderbauten, weisen gegenüber diesen freilich eine reichere Ornamentik auf, die jedoch dem klassischen Formenkanon verpflichtet ist und - im Gegensatz zu den späteren Bauten mit ihrem demonstrativ aus der Fläche heraustretenden Dekor - als ein der Fassade integriertes Element erscheint. Diese Bauauffassung veranschaulichen beispielsweise Herbartstraße 24 (erb. 1878, Arch. G. Schnitger), mit geschoßtrennendem Mäander und abschließendem Palmettenfries, sowie Moltkestraße 9 (erb. 1878, Arch. H. Früstück) mit ädikulaähnlicher Rahmung der rundbogigen Obergeschoßfenster. 1)

 

Dagegen zeichnen sich die Wohnhäuser der beiden nachfolgenden Jahrzehnte durch eine zunehmend differenzierende Baukörperformation mit raumgreifenden Bauteilen wie Treppenhaustrakt, Risalit, Balkon usw. und einer damit einhergehenden stärker plastischen Ornamentik in dem üblichen Formenvokabular des Spätklassizismus bzw. der Neurenaissance aus, welche der Wandfläche ein deutliches Relief verleiht oder plakativ einzelne Zonen betont. Durch die Dichte der aufgelegten Gliederungselemente - im Erdgeschoß horizontale Rauhputzbänder, im Obergeschoß groteskengeschmückte Pilaster als Eck- und Fensterrahmung - bleiben bei dem Haus Lindenallee 20 (erb. 1886, Maurerm. W. Schäfer) von der ursprünglichen Mauerfläche nur schmale Streifen sichtbar. Eine ähnliche Stilhaltung, jedoch mit noch lebhafterer Detaillierung vertritt das mansardgedeckte Haus Roggemannstraße 5 (erb. 1893, Arch. H. Früstück). So zeigen beispielsweise die Ecklisenen im Erdgeschoß einen Diamantquaderbesatz, diejenigen des Obergeschosses ein vegetabiles Relief, und die Fensterpfosten des Risalitobergeschosses sind als Hermenpilaster ausgebildet. 1)

 

In Zusammenhang mit dem erstarkten Nationalgefühl nach dem Krieg 1870/71 flossen in zunehmenden Maße Formen der Deutschen Renaissance in die Architektur ein. Dabei rezipierte man die Variante des norddeutschen Raumes mit ihrem charakteristischen Materialwechsel von Backstein und Werkstein, der im Historismus häufig durch Putzelemente ersetzt wurde. Diese Gestaltungsweise setzte z. B. Spieske, der für seine giebelständigen Häuser eine Putzverkleidung bevorzugte, für Gebäude großzügigeren Zuschnitts ein (Lindenallee 49, erb. 1889; Gartenstr. 22, erb. 1896; Gartenstr. 22a, erb. 1898). Auf eine üppige Dekoration wird bei diesen Häusern verzichtet. Lediglich zur Unterstreichung eines exponierten Bauteils wählte Spieske ein aus dem übrigen Formenapparat hervorragendes Motiv aus: so z. B. bei den spiegelsymmetrisch errichteten Häusern Lindenallee 31 und Nr. 33 (erb. 1893), wo er die Beletage des Risalits mit einem rundbogigen, von einem sechspaßbekränzten Zwilligsfenster innerhalb einer Rundbogenblende ausstattete, oder bei Taubenstraße 3 (erb. 1897) mit einem von Hermenpilastern unterteilten Drillingsfenster, dessen Segmentbogenlünette Akanthuslaub ziert. 1)

 

Als Beispiel eines um besondere Individualität bemühten Entwurfs mag sein 1900 errichteter Putzbau Lindenallee 2 dienen. Der nördliche Eckrisalit erscheint durch einen Dachausbau - belichtet von einem rundbogigen Drillingsfenster - einem Turm ähnlich, der mit seinem flachgeneigten, vorkragenden Dach an den Stil italienischer Landhäuser erinnert. Der prächtige Fassadenschmuck und die sich im Detail eng am historischen Vorbild orientierenden Ornamente lassen das 1887 von L. Klingenberg errichtete sog. "Gelbe Schloß", das Mehrfamilienhaus Roggemannstraße 25, zu einem der eindrucksvollsten Zeugnisse historistischer Interpretation der Deutschen Renaissance werden. Die mit gelben Backsteinen verblendete Fassade rahmen zwei polygonal hervortretende Bauteile, welche die Traufe, ebenso wie der dreiachsige, leicht vorgezogenen Mitteltrakt, mit ihrem Mezzaningeschoß überragen. In dem ihm vorgelegten Altan, den drei rundbogige Zwillingsfenster mit Überfangbögen belichten, liegt mittig im hohen Souterraingeschoß der Haupteingang. Zwischen Mittel und Seitentrakten sind über einer Stichbogenarkatur, die zu Nebeneingängen im Souterrain führt, Balkonaustritte eingespannt, deren durchbrochene Brüstungen ebenso wie die des Altans mit Kleeblattbogen geschmückt sind. Den reichsten Kunststeinschmuck, plastisch durchgebildete Rahmungen, vasenbekrönte Dreiecksgiebelverdachungen im Mitteltrakt und gesprengte Segmentbogengiebel an den Eckrisaliten, tragen die Obergeschoßfenster der vortretenden Bauteile. Die in ihren Brüstungsfeldern und denen der beiden seitlichen Altanfenster angeordneten Tondi mit den Männerportraits rekurrieren auf das in der Renaissance rezipierte ikonographische Thema der neun guten Helden. Die Ergeschoßfenster schmücken nachempfundene Kerbschnittsteine. 1)

 

Das lange Überdauern historischer Architekturauffassung und Repräsentationsbedürfnisses in einem für Oldenburg ungewöhnlichen Formenvokabular veranschaulicht Bismarckstraße 31, ein 1883 errichtetes vierachsiges Gebäude, das sein, heute in einigen Bereichen geändertes, Erscheinungsbild einem von J. H. Brandes 1909 ausgeführten Umbau verdankt. Er erweiterte den Ursprungsbau um zwei südliche Achsen mit nur leicht vorgezogenem Risalit, dem er einen konkav einschwingenden Altan mit abschließender Balusterbrüstung vorlegte, und gestaltete die von Kolossallisenen mit Fugenschnitt eingefaßte Fassade in einer zierlichen Rokokoornamentik. 1)

 

 

< Fortsetzung folgt >

 

 


 

Quellen:

1) Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Band 31,

Stadt Oldenburg (Oldenburg) bearbeitet von Doris Böker,

Verlag CW Niemeyer, Hameln 1993

Zitate mit freundlicher Genehmigung des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalschutz

 

 


 

 

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